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Seminar: Biomechanik des Stehens, Gehens, Laufens
Elektronische Fußdruckmeßsysteme werden immer häufiger als Hilfsmittel in der Orthopädie-Schuhtechnik eingesetzt. Dabei sind die Vorteile dieser Meßmethoden sicherlich unumstritten, wenn man an die Möglichkeit der dynamischen Erfassung, der Quantifizierung des Drucks und der Speicherpotentiale insbesondere im Zusammenhang mit der Dokumentationspflicht beispielsweise bei der Diabetikerversorgung denkt. Auf der anderen Seite wirft die Arbeit mit einer neuen Meßtechnik immer auch Fragen auf, die nicht in jedem Falle mit der Lieferung des Systems beantwortet werden. Hierbei geht es beispielsweise um den Umgang mit dem Meßsystem, also um die Frage, was sollte bei der Durchführung einer elektronischen Fußdruckmessung beachtet werden. Von noch größerer Bedeutung ist die häufig festgestellte Unsicherheit der Anwender bei der Auswertung der durchgeführten Messungen. Welche Aussagen und Folgerungen für die Versorgung in einem speziellen Fall zu treffen sind, erfordert entsprechende Kenntnisse und Erfahrungen. Hier kann das Wissen über biomechanische Zusammenhänge beim Stehen, Gehen oder Laufen sehr hilfreich sein. Daher ist es das Ziel des Seminars, biomechanische Grundlagenkenntnisse zu vermitteln und gewisse Standards für die Durchführung und Auswertung einer elektronischen Fußdruckmessung zu definieren. Dabei soll außerdem erläutert werden, welche Kriterien bei der Anschaffung eines Meßsystems zu beachten sind.
Inhalte des Seminars
Biomechanische Grundlagen
Die Definition des Begriffes "Biomechanik" beinhaltet eine interdisziplinäre Vorgehensweise, die sich aus den Teilbereichen Biologie und Mechanik zusammensetzt. Um Mißverständnisse im Sprachgebrauch zu vermeiden, werden zunächst die wichtigen Begriffe aus der Mechanik definiert und erläutert. Beispielsweise soll der Unterschied zwischen einer Kraft- und einer Druckmessung erläutert oder die differenzierte Wirkungsweise eines Dämpfers im Vergleich zu einer Feder demonstriert werden. Außerdem werden im biologischen Teil anatomische und physiologische Grundlagen besprochen, auf die im weiteren Verlauf des Seminars eingegangen werden kann. Hierbei geht es um Fragen wie etwa, wie ist ein Knochen aufgebaut oder wie funktioniert ein Knorpel oder ein Muskel.
Interpretation von Kraft- und Druckmessung
Bei der Behandlung der allgemeinen Meßmethodik werden zunächst die Gütekriterien besprochen, die ein Meßsystem charakterisieren. Hierbei ist es das Ziel, ganz allgemein zu definieren, auf welche Krieterien bei der Beurteilung eines Meßsystems und damit bei der Kaufentscheidung zu achten ist. Speziell für das Messen von Kraft und Druck werden dann verschiedene Meßtechniken (Sensortypen) vorgestellt und ihre Vor- und Nachteile im Hinblick auf die zuvor besprochenen Gütekriterien diskutiert. Anschließend werden Beispiele von Messungen der Kraft, des Drucks und der Videoanalyse präsentiert. Dabei werden die entsprechenden Parameter zur Beurteilung einer Messung von einem Kunden mit einer speziellen Problematik (z.B. Diabetiker, Sportler mit Kniebeschwerden) herausgestellt. Zusammenfassend geht es um die Kompetenz des Orthopädie-Schuhtechnikers, den Parameter einer Messung, der für das Problem des jeweiligen Kunden von Bedeutung ist, zu analysieren. Das bedeutet beispielsweise, daß es keinesfalls ausreicht, lediglich den Maximaldruck beim Diabetiker zu betrachten, sondern andere Parameter wie etwa den Einfluß der Zeit ebenfalls zu berücksichtigen.
Biomechanische Studien zur Belastung der unteren Extremitäten
Im dritten Seminarabschnitt werden nach einer kurzen Einführung in die Anatomie und Physiologie des Fußes einige Studien über die Belastung des Fußes beim Kontakt mit seiner Umgebung vorgestellt. Dabei werden häufig auftretende Überlastungsphänomene angesprochen und mögliche Versorgungsmaßnahmen im Kreise der Orthopädie-Schuhtechniker diskutiert. Um die im zweiten Abschnitt beispielhaft dargestellten Ergebnisse von Kraft- und Druckmessungen besser beurteilen zu können, werden gemessene Kraftwerte bei verschiedenen Alltagsbewegungen vorgestellt. Zwei weitere spezielle Untersuchungsansätze sind der Vergleich von Fersen- und Ballenäufern als Beispiel für den Sportbereich und die Analyse von inneren Belastungen. Bei letzterem geht es um die spannende Frage, wie sich Kraft- oder Druckwerte, die außen, also beispielsweise unter der Fußsohle gemessen werden, im innern des Körpers fortpflanzen. Es wird eine Methode vorgestellt, mit der die Kraft an der Achillessehne beim Gehen oder Laufen ermittelt werden kann. Und schließlich werden einige Formeln präsentiert, mit deren Hilfe die Kräfte im oberen Sprung-, Knie- und Hüftgelenk zu berechnen sind.
Praktischer Umgang mit der Fußdruckmessung
Im letzten Seminarblock stehen den Teilnehmern eine Druckmeßplattform sowie Innenschuhmeßsohlen in verschiedenen Größen zur Verfügung, um sich im Umgang mit dem Meßsystem vertraut zu machen. Vor allem sollen an Hand von eigens durchgeführten Messungen die neu gewonnenen Erkenntnisse aus dem Seminar angewandt werden. Das bedeutet, es werden kleinere oder größere Fußfehlstellungen mit Hilfe der jeweils zu berücksichtigenden Faktoren analysiert. So können beispielsweise Innenschuhmessungen ohne und mit Einlage miteinander verglichen werden, um den Nutzen einer Einlagenversorgung zu demonstrieren oder eben nachzuweisen, daß die entsprechende Einlage korrekturbedürftig ist. |